Der Zufall – das Salz des Lebens
Vielleicht erinnern Sie sich, als Sie als Kind das erste Mal würfelten und krampfhaft versuchten eine "Sechs" zu würfeln. Mit allen möglichen Tricks und Vorstellungen versuchten Sie den Würfel so zu beeinflussen, dass er die für Sie günstige Zahl zeigen würde. Vielleicht dachten Sie am Anfang, wenn man nur lange genug übt, kann man das irgendwann lernen. Etwa so, wie man lernt, einen Stein in ein Feld zu werfen, das auf die Strasse gezeichnet ist. Irgendwann akzeptierten Sie wohl dann, dass das Würfeln von Sechsern nicht erlernbar und keine Frage der Geschicklichkeit ist. Es ist Zufall.
Vielleicht lernten Sie später, dass wir im Leben bestimmte Ereignisse weder "machen" noch vorhersehen können. Aber vielleicht sind Sie sich auch heute manchmal noch nicht ganz sicher, ob das Unvorhersehbare daran hängt, dass unser "Wissen-" und "Machenkönnen" eben einfach beschränkt sind. Oder ob es eher daran liegt, dass es in der Welt Prozesse gibt, die prinzipiell unvorhersehbar sind, weil sich immer erst spontan und grundlos entscheidet, was geschehen wird.
Aus der Sicht der klassischen Physik gibt es eigentlich keine Zufälle. Vielmehr geht man hier davon aus, dass in gewissen Fällen die Verursachungszusammenhänge so komplex sind, dass wir sie beim gegenwärtigen Wissenstand einfach (noch) nicht durchschauen können. Um die Ergebnisse eines Würfelwurfs vorhersagen können, müssten eine Unmenge von Einflussfaktoren bekannt sein, wie etwa die Kraft, mit der der Wurf ausgeführt wird, die Richtung, die Fallhöhe und der "Effet", der dem Würfel zu einem bestimmten Zeitpunkt beim Loslassen gegeben wird. Und vieles andere mehr. Hochkomplex, um es verlässlich zu berechnen, aber grundsätzlich nicht unmöglich.
Verlässt man den sicheren Boden der klassischen Physik, ist die Sache mit der Bestimmbarkeit nicht mehr so sicher. Was wäre davon zu halten, wenn ein und derselbe Prozess einmal zu Ergebnis A und einmal zu Ergebnis B führte? Etwa so, wie wenn verschiedene Leute denselben Weg einschlagen würden und einige von ihnen kämen nach Rom und andere nach Kopenhagen. Und niemand, auch nicht sie selber könnten das wissen, bevor sie angekommen wären. Die Quantenphysik legt den Gedanken nahe, dass derart verwirrende Verhältnisse im Mikrobereich tatsächlich existieren. Wenn dem so wäre, würde dies bedeuten, dass die Welt aus den Wurzeln des Zufalls wächst.
Einstein, der als erster die Grundlagen der klassischen Physik nachhaltig erschütterte, meinte zwar, dass der "Alte" nicht würfle. Ist die Unvorhersehbarkeit im Mikrobereich nicht auch nur eine Grenze unserer Zugriffs- und Einsichtsmöglichkeit?
Interessanterweise unterliegt der Zufall selbst einem Gesetz. Dem Gesetz der grossen Zahl. Versicherungsmathematiker können mit erstaunlicher Genauigkeit berechnen, wieviele Menschen im nächsten Jahr sterben werden, auch wenn sie die einzelnen Personen nicht benennen können. Die Struktur des Zufalls lässt sich mathematisch beschreiben. Aus dieser Sicht erscheint es wiederum nahezuliegen, dass nichts grundlos geschieht. Alles scheint gewissen Gesetzmässigkeiten zu folgen.
Diese Sicht der Dinge motiviert zum Forschen. Wie verhalten sich diese Gesetzmässigkeiten?
Wer anderseits aber an die Unerklärbarkeit und Grundlosigkeit von Ereignissen glaubt, kann getrost die Suche nach Ursachen einstellen und damit das Forschen vergessen. Da gibt es nichts zu entdecken.
Wer hingegen davon ausgeht, dass der Zufall nur die Grenze unseres Erkennens widerspiegelt, der wird immer weiter suchen.
Ob die Zufälle nun letztlich gesetzmässig oder grundlos sind, spielt für unsere Lebenspraxis keine Rolle. Denn wir müssen als Individuum so oder so mit der Unsicherheit des Zufalls rechnen. Das Unvorhersehbare und damit das Risiko, aber natürlich auch die Chancen, sind aus unserem Leben nicht auszuschalten. Das Bewusstsein um das Restrisiko in all unseren Plänen zwingt uns, über das Planbare hinauszuschauen. Unsicherheit zwingt uns zur Offenheit, sie sucht Neues, sie schafft die Bereitschaft, neue Wege zu wagen. Sicherheit setzt dagegen feste Grenzen, schliesst uns ab, lässt uns verharren. So wird der Zufall zum Salz des Lebens, das der Existenz erst die Dynamik verleiht. Dank Zufall müssen wir uns immer wieder mit neuen Situationen befassen, uns anpassen und verändern. Sonst wäre der Weg wie eine Schiene, absehbar, unveränderbar, langweilig.
In Hypnose haben wir die Möglichkeit, "Zufälle", die uns treffen, durch die Befragung unseres Unbewussten näher zu untersuchen. Was zufällig scheint, hat oft mehr mit uns selbst zu tun als wir vermuten. Das, was uns zufällt, haben wir meistens unbewusst angezogen. Welche unbewussten Muster führen zu welchen "Zufällen"? Die Antwort darauf liegt tief in uns selbst.
Benützte Quellen:
Unimagazin 1/07 "Die Wurzeln des Zufalls", Wolfgang Marx
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